WDR 5 Krimitipps – September 2014

Von Ulrich Noller

Ein Thriller ist ein Thriller ist ein Thriller – und manchmal doch viel mehr als bloß eine Variation ewig gleicher Erzählmuster. Das belegt „Still“, der neue Roman von Zoran Drvenkar: Ein dunkles Meisterwerk, Literatur der Extraklasse.

DU, ICH, SIE – das sind die Perspektiven, anhand derer Drvenkar seine Geschichte erzählt. DU: Ein Mädchen wurde entführt; sie schweigt, seitdem sie wieder auftauchte. ICH: Ein Verlorener baut sich eine neue Identität, in die er eintaucht, um Anschluss zu finden an eine Gruppe von Männern. SIE: Diese Männer, die ein dunkles Geheimnis haben, und die ein zweites, ein heimliches Leben führen neben ihrer ganz durchschnittlichen, bürgerlichen Berliner Existenz. So weit, so einfach, so klar – und (scheinbar) konventionell die Ausgangsbasis, die Zoran Drvenkar für seinen neuen Thriller „Still“ (Eder und Bach, 16,95 Euro) gewählt hat.

Wie Drvenkar seine Geschichte erzählt, das ist allerdings atemberaubend, inhaltlich wie formal. DU, ICH, SIE, die Ebenen verschränken sich auf hoch raffinierte Art und Weise. Dieser Roman ist konstruiert wie ein dreidimensionales Puzzle, und wie dessen Teile zu einander finden, allein dieser Aspekt des ganzen produziert mehr Spannung als 90 Prozent der „Thriller“, die als Massenware auf den Markt gehauen werden.

Bekannt geworden ist Drvenkar, geboren 1967, als Jugendbuchautor, immer so nahe dran an seinen jungen Helden, wie es kaum ein anderer Schriftsteller geschafft hat. In den letzten Jahren kamen von ihm mehr und mehr Romane für Erwachsene, in denen allerdings weiter meist Jugendliche die Hauptrollen inne hatten. Und in denen Drvenkar seine einzigartige Erzähldramaturgie perfektionierte. Mittlerweile ist dieser Autor, der Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien hat, aber in Berlin aufwuchs, einer, der Form und Inhalt brillant in der Waage zu halten weiß, ein Künstler des zeitgemäßen Erzählens.

SIE, DU, ICH: Die Männer entführen Kinder, das Mädchen ist als einzige entkommen; der Verlorene vermisst seine Tochter – der Rest ist eine Nerven zerreißende Suche nach dem Bösen, die streckenweise kaum zu ertragen ist, weil Zoran Drvenkar seinem Thema durch die Kraft seiner literarischen Kunst extrem nahe kommt. Anders gesagt: Für zart besaitete Gemüter wird hiermit eine Lese-Warnung ausgesprochen.

Böse? Ist „Still“ natürlich nicht, sondern ein so verdammt guter Text, dass er schafft, was Literatur in Zeiten der Überproduktion bloß noch selten gelingt: zu erschüttern. Und das weniger wegen des Schock-Effekts, der diesem Thriller inne wohnt, als wegen seiner ungeheuren Originalität.

Ginge es gerecht zu in der Welt (des Literaturbetriebs), würde „Still“ in diesem Herbst mit dem Deutschen Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres ausgezeichnet werden. Wird natürlich nicht passieren, dieser unfassbare Thriller ist schließlich „nur“ ein Spannungsroman. Gut möglich, dass die Buchpreis-Entscheider nicht mal wissen, dass er existiert.

WDR, 02.09.2014

WAZ: Zoran Drvenkars stiller Thriller

Von Andreas Böhme

Eine Geschichte um Rache und Vergeltung, die so intensiv schon lange nicht mehr erzählt worden ist: Zoran Drvenkars Thriller „Still“ spielt virtuos mit den Ängsten der Leser – und dürfte krachend die Bestsellerlisten stürmen.

Er schreibt viel, und deshalb weiß man oft zunächst nicht, für wen. Mal kommt ein Kinderbuch heraus, mal eines für Jugendliche. Zuletzt waren es oft Thriller, hart, brutal, grausam. So wie das jüngste Werk des 1967 in Kroatien geborenen Zoran Drvenkar. „Still“ heißt es, dürfte aber krachend in die Bücher-Charts stürmen.

Im Grunde ist es eine Geschichte um Rache und Vergeltung. Aber so intensiv ist sie schon lange nicht mehr erzählt worden. Es geht, so viel darf man verraten, um entführte Kinder. Und um einen Vater, der da weitermacht, wo die Polizei längst aufgehört hat. Drvenkar spielt virtuos mit den Ängsten seiner Leser. Todesängste, Verlustängste, Trennungsängste, ja Versagensängste.

Anfangs ist man verwirrt. Denn einmal mehr erzählt Drvenkar seine Geschichte nicht nur aus einer, sondern gleich aus drei Perspektiven. „Ich“, das ist der Vater, dessen kleine Tochter in einer Winternacht entführt wurde. „Du“, das ist ein Mädchen, das das gleiche Schicksal ereilt hat, aber mit dem Leben davongekommen ist. Und „sie“, das sind die Männer, die „Ich“ für die Täter hält. Es gibt Rückblenden und Zeitsprünge aber nichts mindert die Spannung, die diese Geschichte schon nach ein paar Seiten aufbaut.

Zugegeben, die Story ist haarsträubend, mit leichten Unglaubwürdigkeiten. Aber der Schreibstil – kurze Sätze, einfache Sprache – ist so flüssig, dass die wenigen Ungereimtheiten nicht auffallen. Und weil Drvenkar darauf verzichtet, sich in allzu blutigen Einzelheiten zu verlieren, sondern das Grauen nüchtern schildert, wirkt „Still“ oft so beklemmend und kalt wie die Jahreszeit, in der es spielt. Zudem ist der Autor ein Meister der falschen Fährte. Wann immer man glaubt, zu ahnen wohin die Geschichte sich dreht, nimmt sie eine überraschende Wendung. Fast nichts ist wie es scheint, alles kommt anders als man denkt.

So außergewöhnlich wie das Buch ist übrigens auch die Art und Weise, wie es verlegt wird. Der Verlag „Eder & Bach“, in dem es vor wenigen Tagen erschienen ist, wurde gerade erst gegründet, „Still“ ist der erste Titel der dort erscheint. Die Verlagsgründer Klaus Fuereder und Felix Grisebach setzen auf Klasse statt Masse. Statt eines breit gefächerten Programms wollen sie sich auf nur wenige Toptitel pro Jahr beschränken. Einen besseren Auftakt für ihr Geschäftsmodell hätten sie kaum finden können. „Still“ ist ein Thriller, der sich vor der Konkurrenz aus Skandinavien oder den USA nicht verstecken muss.

WAZ, 09.09.2014

Radio Bremen: Zoran Drvenkar: Still

www.radiobremen.de/mediathek/index.html?id=110194

Rezension von Esther Willbrandt vom 14.09.2014

Heidelberger Rhein-Neckar-Zeitung

Um es im Stil des Romans auszudrücken: Du hast einen der bemerkenswerten deutschsprachigen Thriller aller Zeiten geschrieben. Ich war fasziniert, begeistert und erschüttert zugleich. Sie werden sich von Deinem Buch bestimmt ebenso fesseln lassen wie ich!“

Rezension von Rüdiger Busch vom 20.09.2014

DIE ZEIT, 25.09.2014

„Hochspannung in einer Verschwörungs-Horror-Eugenik-Phantasmagorie.“